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Grundsätzliche Einigkeit über die Fortführung der DMP-Programme und der konsequenten Umsetzung Integrierter Versorgung als Regelversorgung im Gesundheitswesen der Bundesrepublik Deutschland nach der Bundestagswahl am 18.September 2005.
Berlin, 26.8.2005 – Eine Kontinuität der zurzeit vereinbarten Disease-Management-Programme (DMP) ist auch nach der Bundestagswahl gesichert. Sowohl CDU/CSU als auch SPD wollen dafür einen Ausgleich der Programmkosten vorsehen, allerdings die CDU/CSU bei einem gleichzeitig herabgeführten Risikostrukturausgleich, während die SPD diesen um einen Ausgleich der Morbidität noch erweitern will. Beide große Parteien betonten einhellig die Wichtigkeit der Fort- und Weiterentwicklung von Integrierter Versorgung. Die CDU/CSU kündigte dazu an, dass sie nach einer eventuellen Regierungsübernahme dafür kurzfristig ein starkes Signal aussenden wolle.
Die Ausprägung und Weiterentwicklung strukturierter Behandlungsformen mit und ohne Risikostrukturausgleich war Thema einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Disease Management in Berlin. Auf der trotz der Ferienzeit gut besuchten Veranstaltung trafen sich rund 70 Teilnehmer aus Wissenschaft, zahlreichen Verbänden der Gesundheitswirtschaft und Standesorganisationen um mehr über die Positionen der SPD und CDU zu diesem brisanten Thema zu erfahren. Im ersten Teil der Tagung stellten Experten erste Ergebnisse und Erfahrungen mit den DMP´s vor.
Einleitend führte Prof. Kossow, Vorsitzender der DGDM aus, dass die Reglementierung und damit verbundene Bürokratisierung der DMP´s ein wesentliches Hemmnis in der Bundesrepublik Deutschlad ist im Gegensatz zu den freieren gesetzlichen Regelungen in den USA. Aus der Sicht eines Mediziners schlug er vor, den RSA an eine vorgeschaltete Gruppierung und Vorsortierung aller Patienten nach Schweregraden vor Eintritt in ein DMP zu koppeln.
Prof. Häussler, ebenfalls Vorstandsmitglied der DGDM und geschäftsführender Gesellschafter des IGES wies auf die höheren Beteiligungsquoten von „gesunden“ jungen Patienten der DM-Programme hin. Er äußerte die Befürchtung, dass gerade die Bedürftigen insofern nicht erreicht würden, die hohen Kosten der Programme damit aber fehlgelenkt werden könnten. Die aufgehende Schere der Kosten gerade der nicht eingeschriebenen älteren Diabetiker zeige, dass hier nachgebessert werden muss. In jedem Fall aber habe die Einführung der DMP´s zu mehr Behandlungsqualität und einer milden Reduktion der Folgekosten geführt. Die Erwartungen der angekündigten langfristigen Einsparungseffekte (Lauterbach und Wille 2001) müssten aber nach unten korrigiert werden.
In Vertretung von Prof. Lauterbach referierte Frau Dr. Stock, Institut für Gesundheitsökonomie und klinische Epidemiologie über die Erfordernisse, einen morbiditätsorientierten RSA einzuführen. Die vorliegenden Auswertungen (Stand August 2005: 1.580.000 Patienten in DMP´s eingeschrieben) belegen deutlich, dass die DMPs in der deutschen Versorgungsrealität angekommen sind. In der AOK Auswertung wurde bei einer Stichprobe, der DMP eingeschriebene Patienten in bis zu 80% der Fälle eine Veränderung des Lebensstils angegeben. Dies ist aus Sicht der Versorgungsforschung ein bemerkenswertes Ergebnis. Falls es sich stabilisieren lässt, würde es eine hohe Qualitätsverbesserung der Versorgung erwarten lassen. Sie hob die Sekundärprävention als eine besondere Stärke der DMP´s heraus. Im Folgenden führte sie Vorschläge zur Weiterentwicklung der DMPs unter Qualitätsaspekten aus. Dazu gehören ein öffentliches Benchmarking-Verfahren, Pay for Quality und ein modularer Aufbau der DMPs. Insbesondere die finanzielle Förderung der DMPs durch eine Management pauschale in einem vollständig morbiditätsorientierten RSA würde diese Entwicklung unterstützen.( Modulares DMP bedeutet, dass unterschiedliche Module wie z.B. Raucherprävention, Blutdruckmodul oder Blutzuckermodul je nach Risikoprofil des Patienten individuell zusammengestellt werden können. Die Patienten wären nicht wie heute in einem DMP Diabetes eingeschrieben, sondern sie wären im DMP eingeschrieben. Dafür würden die Kassen eine Managementpauschale erhalten. Die Morbidität würde über den M-RSA ausgeglichen. Im DMP würde für jeden einzelnen Patienten nach Risikoprofil ein individuelles DMP zusammengestellt.) Das individuelle DMP jedes einzelnen Patienten kann so aus den einzelnen Modulen aufgebaut werden. Dies ermöglicht die geforderte Anpassung der DMPs an multimorbide Patienten in Abhängigkeit vom persönlichen Risikoprofil.
Prof. Greiner aus Bielefeld und Lehrstuhlinhaber für Gesundheitsökonomie und Gesundheitsmanagement führte in seinem Referat überzeugend aus, dass die Effizienz der Programme erst bewiesen werden muss. Hohe Anfangsinvestitionen, eine steigende Anzahl von Anträgen beim Bundesversicherungsamt und eine anstehende Rezertifizierung lassen die Verwaltung der DMP´s zu einer Daueraufgabe des BVA werden. Auch Prof. Greiner hat mit Hilfe seiner Daten eine deutlich verbesserte Lebensqualität der Patienten feststellen können, fragte aber auch nach Aternativen. Die aufwendige Evaluation könne nur mit ausgewiesener Expertise und entsprechender personeller und technischer Ausstattung der Evaluatoren geleistet werden. Hier hersche Mangel. Unberücksichtigt bleibt dabei der Nachweis eines volkswirtschaftlichen Nutzens. Als Finanzierungsalternative schlug Prof. Greiner 1. die freie Entscheidung der Krankenkassen ohne RSA, 2. eine DMP-Pauschale, 3. die Einrichtung einer Stiftung oder eines Fonds vor sowie eine 4. steuerfinanzierte Variante. Seine Präferenz ließ Herr Prof. Greiner für die Variante 3 erkennen, die er mit mehr Wettbewerb und der Überwindung der sektoralen Finanzierungsgrenzen verknüpfen möchte.
In der sich anschließenden Diskussion wurde vor allem Kritik laut an dem Verfahren zur Auswertung der DMP´s. Die Ärzte zeigen eine hohe Frustration, da bislang die Evaluationsbögen in eine „black box“ gefallen wären und keine ausreichende Rückkopplung erfolgte. Vormals bestehende funktionierende Modelle in der Diabetesversorgung zum Beispiel in Sachsen wären zulasten der Patientenversorgung aufgegeben worden und führten nun mit Recht zu Motivationsproblemen angesichts schlechterer Nachfolgemodelle unter dem Namen DMP.
In der sich anschließenden Vortragsreihe, an der sich Vertreter der SPD und CDU beteiligten, wurden die Unterschiede aber auch der breite Konsens der beiden Volksparteien deutlich.
Herr Kirschner (SPD) als Vorsitzender des Ausschusses für Gesundheit und soziale Sicherung plädierte für eine Fortsetzung der DMP´s inklusive eines veränderten RSA. Freie Krankenkassenwahl und RSA sind auf Dauer miteinander gekoppelt. Wettbewerb um Qualität im Gesundheitswesen ist gefragt. Die Weiterentwicklung des RSA zum Morbiditäts-RSA ist in den Augen der SPD dringend erforderlich. Herr Kirschner gab zu: “Der Fortschritt ist eine Schnecke“, aber die Qualitätsverbesserung tut Not in Anbetracht der erheblichen Defizite. Als ein Beispiel führte er die doppelt so hohe Amputationsrate bei Diabetes-Patienten im Vergleich zu den Niederlanden in der Bundesrepublik Deutschland an.
Dr. Hans-Georg Faust (CDU). ebenfalls Mitglied im Ausschuss für Gesundheit und soziale Sicherung erläuterte den Diskussionsstand innerhalb der CDU/CSU. Aus der Sicht der CDU/CSU wird es nach der Bundstagswahl keine Ausweitung der Kopplung DMP-RSA geben. Die Selektion der „gesunden“ Kranken in den DMP´s führe zu einer Leistungskürzung aller Versicherten. Er wies darauf hin, dass die CDU/CSU bereits im Mai 2005 in einer Pressemitteilung ausgeführt hat, dass die oben genannte Kopplung zu höheren Kosten führt. Die bestehenden DMP-Verträge sollten aber weitergeführt werden. Eine Durchführungssicherheit werde sichergestellt. In einer persönlichen Stellungnahme als Arzt betonte Dr. Faust die Wichtigkeit des Ausbaus der Integrationsversorgung insbesondere in der Form einer Verantwortungsübernahme für ganze Regionen und die gezielte Weiterentwicklung Leitlinen orientierten Handelns in der Medizin. Dr. Faust kündigte dazu an, dass die CDU/CSU nach einer eventuellen Regierungsübernahme kurzfristig ein starkes Signal zugunsten der Ausbaus der Integrierten Versorgung aussenden wolle.
Die sich anschließende Podiumsdiskussion unter Leitung von Helmut Hildebrandt, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der DGDM und Inhaber der Hildebrandt GesundheitsConsult GmbH, resultierte in einem Ausblick bis zum Jahr 2009 und ergab eine große Übereinstimmung in den Forderungen nach mehr Wettbewerb, weniger Bürokratie, einer Intensivierung der Integrationsversorgung sowie einer Flexibilisierung der Disease Management Programme. Es bleibt spannend im deutschen Gesundheitswesen. Die für Mitte März in Berlin geplante Frühjahrstagung der Deutschen Gesellschaft für Disease Management (www.dgdm.de) wird hier weitere Erkenntnisse bringen, Disease Management aus der Sicht der Patienten näher betrachten und Raum für viele Diskussionen liefern.
Dr. R. Lange
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